Autonome Karriereplanung und verwaltete Berufsbiographie

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„Dann hat sich die Universität doch entschlossen, mir eine Dauerstelle zu geben“

Eine Agency-Analyse zum Erleben der Strukturiertheit wissenschaftlicher Karrieren im akademischen Feld

Alexander Lenger, Mila Obert, Christoph Panzer und Hannes Weinbrenner

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Heft 1/2016. S. 67-93

1. Einleitung

Die Biographien und wissenschaftlichen Werdegänge von Professorinnen und Professoren werden auf vielfältige und offensichtliche Weise durch historische Umstände geprägt (vgl. exemplarisch die autobiographischen Analysen in Jungbauer-Gans/ Gross 2010). Zum Verhältnis zwischen autonomer Karriereplanung und verwalteten Berufsbiographien von Professorinnen und Professoren liegen jedoch bisher kaum empirische Befunde vor (vgl. aber indirekt Engler 2001; Beaufaÿs 2003). In der soziologischen Literatur richtet sich das Interesse an der akademischen Biographie in der Regel vornehmlich auf die Tätigkeiten als Wissenschaftler und dem damit verbundenen spezifischen Berufsethos (Merton 1985 [1973]). Die Befunde zeigen, dass die biographische Strukturierung im wissenschaftlichen Feld nach der Maßgabe der „Wissenschaft als Lebensform“ erfolgt (Krais 2008); eine Lebensform, die sich dadurch auszeichnet, dass die wissenschaftliche Arbeit die Person in ihrer Gesamtheit beansprucht und sich die persönliche Lebensgestaltung den Erfordernissen des wissenschaftlichen Betriebes unterzuordnen hat. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – so kann man diese Überlegungen zusammenfassen – sind zur Wissenschaft berufen; strukturierende Elemente nehmen dabei die Funktion von Möglichkeits- und Rahmenbedingungen ein, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Berufung erfüllen können. Entsprechend wird argumentiert, dass es im Feld der Wissenschaft keine Trennung von persönlicher Lebensgestaltung und dem wissenschaftlichen Betrieb gibt und dass die existierende Struktur optimal an autonome Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angepasst ist, sodass diese ihre Berufung nach individuellen Wünschen gestalten und ausleben können.

Angesichts der Tatsache, dass bis zur Entfristung in Form einer Lebenszeitprofessur ein anspruchsvoller Qualifizierungsprozess im Sinne einer ‚Risikopassage‘ (Schmeiser 1994) bewältigt werden muss, ergibt sich aber unseres Erachtens ein für das wissenschaftliche Feld spezifischer biographischer Sozialisationskonflikt zwischen der befristeten, risikoreichen Beschäftigungsperspektive einerseits und der entfristeten Anstellung als Professorin bzw. Professor andererseits (Beaufaÿs 2003; Metz-Göckel et al. 2012). Da Arbeits- und Qualifizierungsprozess in der Qualifikationsphase ‚grenzenlos‘ verlaufen (Dörre/Neis 2008; Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 2010; Wagner-Baier et al. 2012: 22), müssen künftige Professorinnen und Professoren grundlegend in der Lage sein, ihre akademische Karriere im Ein-klang mit der entgrenzten Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voranzutreiben (Lenger 2015). Denn die universitäre Laufbahn in Deutschland zeichnet sich durch ein hohes Maß an Unsicherheit aus (vgl. Wissenschaftsrat 2014). Die Beschäftigungsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses an Universitäten sind durch befristete Arbeitsvertrage, kurzzeitige und häufige Verlängerungen (Kettenverträge), vielfache Stellenwechsel, Teilzeitstellen, unbezahlte Mehrarbeit, Phasen der Arbeitslosigkeit, verlängerte Berufsfindungsphasen, keine bzw. geringe Mitbestimmungsmöglichkeiten, personale Abhängigkeitsverhältnisse und ungewisse Zukunftschancen gekennzeichnet (Janson et al. 2006; BuWin 2008, 2013; Jaksztat et al. 2010). Verschiedene Autorinnen und Autoren haben gezeigt, dass diese strukturellen Rahmenbedingungen in der Folge bei einem Teil des wissenschaftlichen Nachwuchses zu einem Gefühl der Zukunftsunsicherheit und zum Verzicht auf Familiengründung führen (vgl. exemplarisch Wagner-Baier et al. 2012: 22; Bloch/Würmann 2013). In diesem Sinne ist die akademische Karriere stark durch strukturelle Anforderungen charakterisiert.

Angesichts dieser Ausgangslage stellt sich für uns die Frage, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Erreichen einer Professur ex post ihre Handlungsspielräume während der Qualifikationsphase einschätzen. Es gilt herauszuarbeiten, wie Professorinnen und Professoren die genannten Hochschulstrukturen in ihre Biographien einflechten und welche Rolle bzw. welche Einflussnahme diesen Strukturen zugeschrieben wird. Damit knüpft das vorgestellte Forschungsprojekt in gewisser Hinsicht an die soziologische Lebensverlaufsforschung an, die auf die institutionelle Strukturierung von Lebensverläufen hingewiesen hat (Kohli 1985; Mayer 1990, 2004). Diese plädiert – häufig in expliziter Abgrenzung zur Biographieforschung – für die Einführung einer theoretischen Perspektive, „in welcher der Lebenslauf nicht primär als Individualphänomen gesehen wird, sondern als ein kollektiver Tatbestand, als Teil der Sozialstruktur, der individuelles Verhalten und Handeln definiert, prägt und beeinflusst“ (Mayer/Diewald 2007: 510).

Im Gegensatz zur Lebensverlaufsforschung ist der Ausgangspunkt unserer Untersuchung jedoch nicht die institutionelle Strukturierung an sich, sondern der subjektive Umgang der befragten Professorinnen und Professoren mit den Strukturen, die auf sie einwirken. Wir gehen davon aus, dass es Strukturzwänge gibt, mit denen diese umgehen müssen, richten unser Forschungsinteresse aber auf das subjektive Erleben und die individuellen Bewältigungsstrategien einer solchen Strukturierung der akademischen Karriere. Anknüpfend daran gilt es, die „strukturierenden Strukturen“ (Bourdieu 1987 [1980]: 98) des wissenschaftlichen Feldes und der dort wirkenden Organisationen herauszuarbeiten, um die Logiken und Strukturzwänge des deutschen Hochschulwesens als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlage für Praktiken, Vorstellungen und Positionierungen von Professorinnen und Professoren in den Blick zu bekommen.

Wir haben also in der vorliegenden Arbeit den subjektzentrierten Ansatz, wie er häufig in der Biographieforschung verwendet wird, im Anschluss an Bourdieu um strukturalistische Elemente ergänzt. Anhand einer Agency-Analyse (Bethmann et al. 2012) von Passagen biographischer Interviews mit Professorinnen und Professoren wird rekonstruiert, ob und wie diese ihre Lebensläufe als von Hochschulstrukturen und Organisationen geprägt erleben. Diese Analyseergebnisse werden im Anschluss auf bestehende Strukturelemente der bundesdeutschen Hochschullandschaft rückbezogen. Wir unternehmen somit den Versuch, die Perspektiven von Biographie- und Lebensverlaufsforschung nicht als konträr, sondern als komplementär aufzufassen.

Der Beitrag gliedert sich wie folgt: In einem ersten Schritt wird die Funktionslogik des akademischen Feldes skizziert. Danach wird das methodische Vorgehen vorgestellt, und es werden empirische Befunde zusammengetragen. Im Anschluss werden diese Befunde diskutiert und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Der Beitrag schließt mit einem kurzen Fazit.

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