Der Wald als Gender-Monokultur?

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Vielfalt im Wald

Chancengleichheit als Kriterium für eine nachhaltige Waldgestaltung

Regula Kolar, Bianca Baerlocher

Erschienen in: FZG – Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien. Heft 2/2016, S. 19-39

Zusammenfassung: Der Wald ist für alle da – auf Seiten der Nutzer_innen, aber auch auf Seiten der Waldberufe. Dieser Artikel beleuchtet die männerdominierte Waldbranche und geht von einer Interdependenz zwischen Gesellschaft, Geschlecht und Natur aus. Denn die Gesellschaft-Natur-Beziehungen und deren Ausgestaltung sind mit Gender sowie mit Fragen der Chancengleichheit verknüpft. Ziel ist es, sich durch eine integrative Perspektive der beiden Forschungsfelder Gender Studies und Nachhaltigkeitsforschung sozialtheoretisch Problemstellungen von Nachhaltigkeit und Chancengleichheit zu nähern. Die theoretische Basis bilden dabei der Ansatz „sozial-ökologische Regime“ und die „Care“-Perspektive. Es wird argumentiert, dass nachhaltige Waldgestaltung heißt, Chancengleichheit im Zusammenhang mit der Waldnutzung auf allen Seiten zu gewährleisten. Zum Schluss wird die Frage gestellt: Ist nachhaltige Waldarbeit Care-Arbeit und umgekehrt?

Schlagwörter: Chancengleichheit; Partizipation; Care; Nachhaltigkeit; Sozial-ökologische Theorie.

Diversity in the Forest: Equality Considered a Criterion for Sustainable Forest Management

Abstract: Woods are for everyone – for all users as well as for forest workers. This article focusses on the male dominated forestry sector in regard to the interdependency between society, gender and nature, because the human-nature relationship and its arrangement in society are linked to gender as well as to questions of equality. Thus the aim is to approach problems of sustainability and equality through an integrative perspective of gender studies and sustainability research. Two approaches serve as a theoretical basis: “socio-ecological regimes” and the so called “care”-perspective. The argument is that equality in connection with forest use on all sides can contribute to a sustainable forest management. At the end the question is brought up whether sustainable forest work is care work and vice versa.

Keywords: Equality; Participation; Care; Sustainability; Social-ecological Theory.

Herausforderungen im Schweizer Forstwesen hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung

Im Rahmen einer nachhaltigen Waldnutzung stellt sich die Frage, wie auf Seiten der Waldbranche einer Vielfalt an Nutzungsinteressen begegnet wird. Die Branche ist aktuell vor große wirtschaftliche Herausforderungen gestellt. Der Wald diente lange vorrangig als Holzproduzent, was traditionellerweise das Einkommen aus dem Wald sicherte. Seit den 1990er Jahren sieht sich die Holzbranche jedoch mit Einnahmedefiziten konfrontiert (Bürgi/Pauli 2013: 148). Der Wald wird aber außerdem zunehmend ein Ort der Wohlfahrtsfunktion im Sinne der Freizeit- und Erholungsleistung. Durch die fortschreitende Urbanisierung wird insbesondere der stadtnahe Wald vermehrt von der Bevölkerung genutzt. Der Wald ist für alle da. Die Forstleute sind immer stärker mit Unterhalts- und Pflegearbeiten dieses Freizeitsektors beschäftigt, wobei diese Arbeiten am Wald in den meisten Kantonen keinen direkten und ökonomisch messbaren Ertrag bringen. Das heißt, dass die Schweizerische Forstbranche heute stärker denn je vor die große Herausforderung gestellt ist, die Ziele verschiedener Ansprüche der Multifunktionalität im Sinne einer nachhaltigen Nutzung der Wälder zu bewältigen. Sie tut dies zum Teil mittels Mitwirkungsprozessen zusammen mit Expert_innen, Berufsvertreter_innen, Interessensgruppen, Vereinen und Verbänden. Diese Mitwirkenden geben jedoch ein einseitiges Bild der tatsächlichen Waldnutzer_innen ab, und es stellen sich Fragen nach Chancengleichheit in Bezug auf die Partizipation an waldpolitischen Prozessen, wie wir im Folgenden darlegen werden.

Oft wird betont, dass Nachhaltigkeit als Idee der Forstbranche entsprungen ist, weil einst der Sächsische General Hans Carl von Carlowitz im 18. Jahrhundert dafür plädierte, dem Wald nicht mehr Holz zu entnehmen als nachwachse. Damit führte er gleichzeitig den ökonomischen Wert des Holzes auf seine Regenerationsfähigkeit zurück (vgl. Mauch 2014; Denzler 2013; Grober 2013; Stuber 2008; Schuler 2000). Auch wenn Carlowitz damit maßgeblich das Nachhaltigkeitsverständnis, insbesondere in der Forstbranche, beeinflusste, muss festgehalten werden, dass die Idee der Nachhaltigkeit spätestens seit dem Brundtland-Bericht [1] weit mehr ausmacht als die Kopplung von Ökonomie und natürlicher Ressource. Das wechselseitige dynamische Verhältnis von Mensch und Natur, insbesondere intra- und intergenerationale Gerechtigkeitsaspekte in Bezug auf die Verteilung von Ressourcen oder die Möglichkeit der Mitwirkung und Gestaltung von Entscheidungsprozessen, stehen heute in Bezug auf eine nachhaltige Umweltgestaltung und -nutzung im Zentrum. Obschon die Forstbranche heute ein Waldmanagement betreibt, welches alle Nachhaltigkeitsaspekte in sich zu vereinen versucht, werden diese stark ökonomisiert – was nicht zuletzt der häufig verwendete Begriff Waldmanagement für die Organisation und Gestaltung des Waldes verrät. Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit in Bezug auf Geschlecht, aber auch weitere soziale Dimensionen werden bisher nur marginal berücksichtigt (vgl. BAFU 2013; BUWAL 2004). Dies zeigt sich einerseits im Geschlechterverhältnis in den Waldberufen, aber auch im Bereich der Mitwirkung in waldpolitischen Prozessen bzgl. Planung und Entwicklung des Waldes.

Der Forstbereich gehört – nicht nur in der Schweiz – zu den am stärksten männerdominierten Berufsfeldern überhaupt (vgl. Nadai 2001; Holz 2006; Tuma 2016). Für die unausgewogene Repräsentation von Frauen sind zwei Gründe zentral, wobei der zweite Fakt sicherlich eine Folge des ersten ist: Als ursprünglich militärischer Berufszweig gilt der Forstberuf als konservativ-traditionalistische und männerbündlerische Institution. Zudem gibt es fast keine Teilzeitstellen in der Branche, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. eine generelle Work-Life-Balance erschwert oder gar verhindert (vgl. Nadai 2001; Holz 2006). Beide Voraussetzungen wirken sehr unattraktiv auf alle jene, die sich ein Berufsumfeld wünschen, welches die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Erwerbsarbeit ermöglicht. Will die Forstbranche attraktiver werden für Frauen, aber auch für Männer, die sich mit bestimmten Vorstellungen in der herrschenden Berufskultur nicht identifizieren können, müsste sie sich öffnen und modernisieren.

Die Repräsentation von Frauen ist nicht nur in den Waldberufen selbst sehr gering, sondern diese geringe Vertretung im Berufsfeld verhindert mithin auch die chancengleiche Mitwirkung in waldpolitischen Planungsprozessen zu Entwicklung, Gestaltung und Organisation des Waldes, wie sie für eine nachhaltige Umweltgestaltung relevant sind. Die nachhaltige Nutzung von Wäldern ist in den neu formulierten globalen Sustainable Development Goals (SDGs) explizit als eigenständiges Ziel aufgeführt (UN 2015). Ebenso war in den Millennium Development Goals (MDGs) und ist in den SDGs die Gleichstellung der Geschlechter eines der globalen Nachhaltigkeitsziele (UN 2000, 2015). Mit den in diesem Artikel aufgeworfenen Problemstellungen gehen wir von einem inhaltlichen Zusammenhang beider Zielsetzungen aus: Das heißt, dass Chancengleichheit in Bezug auf die Verteilung natürlicher Ressourcen gewährleistet wird und soziale Strukturkategorien oder Machtverhältnisse, wie bspw. aufgrund von Geschlecht, nicht zu Diskriminierung, Ungleichheit und Ausschluss führen. Auch auf einer analytischen Ebene gehen wir von einer Interdependenz zwischen Gesellschaft, Geschlecht und Natur aus, wobei wir aufgrund der empirischen Sachlage eine differenztheoretische Perspektive auf Geschlecht einnehmen und uns auf geschlechtsspezifische Chancengleichheit konzentrieren.

Vor diesem Hintergrund möchten wir hier folgenden Fragen nachgehen: Welche Rolle spielt (genderspezifische) Chancengleichheit derzeit in der Schweizer Waldbranche? Und: Wie nachhaltig ist die Waldgestaltung, wenn man Chancengleichheit als ein Nachhaltigkeitskriterium definiert? Ziel dieses Artikels ist es, sich durch eine integrative Perspektive sozialtheoretisch der geschilderten Probleme um Nachhaltigkeit und Chancengleichheit zu nähern. Das heißt, wie die Gesellschaft-Natur-Beziehungen mit Fragen der Chancengleichheit zusammenhängen, kann unseres Erachtens durch eine integrative Perspektive besser erfasst werden. Wir tun dies mithilfe zweier Ansätze: des Konzepts sozial-ökologische Regime aus der Nachhaltigkeitsforschung, welches ein Grundverständnis für das Zusammenwirken von gesellschaftlicher Organisation in Bezug auf natürliche Ressourcen bereitstellt (vgl. Baerlocher 2013) sowie des Care-Ansatzes aus den Gender Studies. Care-Theorien haben einen großen Stellenwert innerhalb der Gender Studies und der Forschung zu Ungleichheit und Diskriminierung. Das Ziel ist dabei der Einbezug der Care-Perspektive in politische, philosophische, soziologische und wirtschaftliche Theorien. Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens mehrmals sorgebedürftig: alle zu Beginn, manche während und viele zum Ende. In solchen Momenten ist der Mensch angewiesen auf andere Menschen, die seine Sorgebedürfnisse erkennen, sich dieser annehmen und ihm helfen. Wie diese Care-Verhältnisse organisiert werden, ist eine politische Frage, die mit Geschlechterverhältnissen, Verteilungschancen von Zeit, Macht und Geld und überhaupt mit sozialen Ungleichheiten zu tun hat: „Care as a political concept requires that we recognize how care – especially the question, who cares for whom? – marks relations of power in our society and marks the intersection of gender, race, and class with care-giving” (Tronto 1993: 169). Als sozialtheoretische Analyseperspektive hat Care ihren Ursprung in Debatten um ungleiche Verteilung und Bewertung sowie generell die Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern in der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre und fand so Eingang in die feministische Gesellschaftstheorie („doppelte Vergesellschaftung“) und schließlich in die Frauen- und Geschlechterforschung (vgl. Hofmeister et al. 2013; Winker 2015). Philosophisch ist Care ein Teil der Tugendethik. In der feministischen Philosophie hat insbesondere Carol Gilligan mit „the ethics of care“ (Gilligan 1982) die Care-Debatte inspiriert. Auch Joan Tronto (1993, 2013a, 2013b) und Elisabeth Conradi (2001, 2010) sind bedeutende Denkerinnen im Bereich der Achtsamkeits- bzw. Care-Ethik. Care ist im Bereich der Ethik ein umfassender Begriff und wird verstanden als „a species activity that includes everything that we do to maintain, continue, and repair our ‚world‘, so that we can live in it as well as possible” (Tronto 1993: 103). Diese Welt beinhaltet laut Tronto unsere Körper, das Selbst und die Umwelt, „all of which we seek to interweave in a complex, life-sustaining web“ (ebd.). Der Care-Begriff, den wir hier verwenden, beinhaltet also einerseits die sozialtheoretische Komponente der Reproduktionsarbeiten und den mit ihnen einhergehenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten, andererseits aber auch eine ethische Haltung verbunden mit einer Abhängigkeit aufgrund der Gegebenheiten unseres Seins.

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[1] Bericht mit dem Titel „Our Common Future“, 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen („Brundtland-Kommission“) veröffentlicht. Die damalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland hatte den Vorsitz in dieser Kommission. Der Bericht ist bekannt für seine Definition des Begriffs Nachhaltige Entwicklung. <https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_563.htm> (Zugriff am 15.07.2016).

 

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