Fünf Fragen an unsere Autorin Mariam Tazi-Preve

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Welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Mariam Tazi-PreveMariam Tazi-Preve: Ich befinde mich an der Schnittstelle Politikwissenschaft, Geschlechterforschung mit Ausflügen in die Demographie und Familienforschung. In den Sozialwissenschaften besteht die Gefahr, im eigenen Kanon steckenzubleiben. Es ist auch mehr Interdisziplinarität gefordert, um sich den heutigen Herausforderungen zu stellen. Zu den dringlichen Fragen in Politik und Gesellschaft, die vom privaten/familialen Leben nicht zu trennen sind, gehören die großen Themen der Zeit: Was bedeutet es für Gesellschaft und Familienleben, wenn Arbeitsplätze erodieren, wenn ein beschleunigter Kapitalismus den Raubbau an der Natur vorantreibt, wenn Ökonomie nicht mehr „Versorgung mit dem Lebensnotwenigen“ bedeutet (ursprüngliche Bedeutung von oikos nomos) und ein Großteil der technischen Entwicklung, die in den Alltag einfließt, der Militär- und Sicherheitsfoschung entstammen? Was bedeutet Wirtschaften „ohne Care“? Es geht also um nichts weniger als die Sinn- und Ethikfrage in einem Zeitalter, wo der Mensch sich selbst gefährdet und alle Generationen, die uns nachfolgen. Die Sozialwissenschaften sind gerade aus der Kritik an der Gesellschaft entstanden, sie kann sich dem auch heute nicht entziehen.

Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

Mariam Tazi-Preve: Im Zeitalter der Verlagerung dessen, was als Wissenschaft gilt, auf die MINT Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), entsteht die Tendenz, dass Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften an den Rand gedrängt werden zugunsten solcher, die als „hard science“ gelten, also die als Forschung nur das verstehen, was quantitativ bemessen werden kann. Alles andere gilt als „soft science“, suggeriert also Minderwertigkeit. In den USA ist zu sehen, wie das (kritische) Denken abgeschafft wird und erfahrungsgemäß folgt Europa dem Trend in zeitlicher Verzögerung. In einem solchen Szenario ist es umso wichtiger, Menschen heranzuziehen, die lernen Ideologiekritik zu betreiben und historisch zu denken, um die gesellschaftlichen Dinge im Zusammenhang zu sehen und sie zu hinterfragen. Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Privatheit/Familie sind miteinander verbunden und werfen Fragen auf, die so dringlich sind wie noch nie zuvor.

Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

Mariam Tazi-Preve: Ich erkannte schnell, dass alles Persönliche Politisch ist. Auch und gerade die Frage, wie der Staat zu seinem Nachwuchs kommt. Kurz bevor ich begann an meiner Diplomarbeit zu schreiben, war ich Mutter geworden und konnte nicht fassen, wie dieser Umstand mein Leben veränderte. Ich stellte die Frage nach dem Leben der Mutter aus der politischen Perspektive und fragte auch danach, warum so wenig Forschungsliteratur dazu vorhanden war. Was hat es auf sich mit der Frage der Fertilität und der Bevölkerungspolitik, fragte ich mich, warum ist die Politik so bestrebt, die Fortpflanzung zu kontrollieren, welche historischen und ideologischen Ursachen führten zur Lage der heutigen institutionalisierten Mutterschaft. Später kam meine Forschung zu den Vätern hinzu und die Untersuchung dazu, warum diese in Theorie und Praxis so peripher erscheinen. Als ich sie in den 1990ern in den Blick nahm, galten sie als „Nischenthema“. Und warum, fragte ich mich, ist alles Reden von der Familie letztlich ideologisch motiviert? Und normativ, also wie sie aussehen sollte, nicht wie sie ist. Und was bedeutet Familie im politischen und ökonomischen Sinne? Warum gilt sie als „Frauenthema“?

Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Mariam Tazi-Preve: Da sind so viele Bücher, die ich als wichtig empfinde, und die mich beeinflusst haben. Hier seien ein paar skizziert. Enorm beeinflusst hat mich das Buch von Adrienne Rich (Von Frauen geboren), als erstmals die Leiden der Mutterschaft explizit gemacht wurden und deren politische Bedeutung. Barbara Duden (Der Frauenleib als öffentlicher Ort) zeigte auf, wie es historisch dazu kam, dass die Schwangerschaft, die einst als untrennbarer Teil des weiblichen Körpers galt, zum Ort der Rechtsprechung und Medizindiagnostik wurde. In „Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung“ beschreibt Christel Neusüß, dass der Marxsche Grundbegriff der Arbeitskraft Vorannahmen enthält, die nie als solche benannt wurden. Die Arbeit der Mutter, die die Arbeitskraft quasi „herstellt“, also das Gebären und Aufziehen von Kindern, war komplett ignoriert worden. Marie Mies beschrieb erstmals, wie Kapitalismus und Patriarchat zusammengehören. Nur Kapital und Lohnarbeit sind sichtbar, während prekäre Hausarbeit und Natur als unsichtbare Ökonomie dargestellt werden, die das Kapital gratis nutzt. Sie ist es auch, die die Wirtschaftssysteme des Nordens und Südens zusammendenkt. Claudia von Werlhof (Männliche Natur und künstliches Geschlecht) machte mir erstmals klar, dass unser Zivilisationsbegriff fragwürdig ist und wie der patriarchale Traum vom Gebären der Maschine aussieht.

„Ich bin Autorin bei Budrich, weil…“

Mariam Tazi-Preve: Die Betreuung durch die Lektorinnen des Barbara Budrich Verlages ist unkompliziert, persönlich und sehr angenehm. Es ist ein kleines, aber feines Team. Thematisch entspricht der Verlag genau meiner Arbeit. Man merkt das Engagement und wie erfolgreich mit der totalen Digitalisierung umgegangen wird. Das ist natürlich nicht leicht in Zeiten, da Urheberrechte zu verschwinden drohen. Bei Barbara Budrich gibt es auch eine Publikationsreihe zur Unterstützung beim Schreiben und Publizieren, eine sehr „hands-on“ Vorgangsweise, die ich in den USA schätzen gelernt habe.

Kurzvita von Mariam Tazi-Preve

Mariam Irene Tazi-Preve, geboren in Innsbruck, Professorin für Politikwissenschaft und Geschlechterforschung in den USA, Zivilisationstheoretikerin mit visionärem Blick, langjährige wissenschaftliche Tätigkeit in Wien, Vorträge in Nordamerika und Europa. Schwerpunkte in Zivilisations- und Geschlechtertheorie, Politik und Reproduktion, Autorin bzw. Koautorin und Herausgeberin von mehreren Büchern und zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen, darunter “Mutterschaft im Patriarchat” (2004), “Väter im Abseits” (2007) und “Familienpolitik. Nationale und internationale Perspektiven”. 2015 war sie Mitbegründerin von “Bumerang. Zeitschrift für Patriarchatskritik”.

Jüngst erschienen:

Mariam Irene Tazi-Preve
Das Versagen der Kleinfamilie
Kapitalismus, Liebe und der Staat
2017. 228 S. Kt. 22,90 € (D), 23,60 € (A)
ISBN 978-3-8474-2010-1
eISBN 978-3-8474-0981-6

„Dein (neues) Buch ist spannender als jeder Krimi (…) ist nicht nur höchst interessant, macht mich auch betroffen. Und öffnet mir (einmal mehr) die Augen (…) Da ist Dir ein ganz großer Wurf gelungen!” Sibylle Stillhart, Journalistin und Autorin

Ebenfalls bei Budrich:

Mariam Irene Tazi-Preve
Motherhood in Patriarchy
Animosity Toward Mothers in Politics and Feminist Theory – Proposals for Change
2013. 304 pp. Pb. 36,00 € (D), 37,10 € (A), US$52.00, GBP 32.95
ISBN 978-3-8474-0048-6 – eISBN 978-3-8474-0300-5

Sonja Dörfler/ Sabine Buchebner-Ferstl/ Mariam Irene Tazi-Preve
„Ich bin jung, ich muss noch viel machen“
Lebenskonzepte und -verläufe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich
Familienforschung – Schriftenreihe des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) 24.
2012. 285 S. Kt. 33,00 € (D), 34,00 € (A)
ISBN 978-3-86388-013-2  – eISBN 978-3-86388-168-9

Mariam Irene Tazi-Preve (Hrsg.)
Familienpolitik
Nationale und internationale Perspektiven
Familienforschung – Schriftenreihe des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) SR 20.
2010. 161 S. Kt.19,90 € (D), 20,50 € (A)
ISBN 978-3-940755-45-2 – eISBN 978-3-86388-107-8

 

 

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