Maria Kurz-Adam im Interview

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Maria Kurz-Adam in Stichworten: früher Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit, später Leitung des Stadtjugendamtes München, jetzt, in behutsamen Schritten in die Zukunft, möglicherweise eine Schriftstellerin.

1. Welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Maria Kurz-Adam: In meiner Glaskugel sehe ich Folgendes: Eine Gesellschaft, die sich immer mehr mit gesellschaftlichen und kulturellen Ausgrenzungen befassen wird – ob wir wollen oder nicht, wird die Frage, was uns gesellschaftlich und politisch in Deutschland und in Europa auseinanderbringt und was uns zusammenhält, auch die Wissenschaften des Sozialen in einer neuen, nicht allein begrifflich zu füllenden Form erreichen. Die Grenzerfahrungen, die die „Flüchtlingskrise“ auch in die Wissenschaften des Sozialen getragen haben, haben mich gelehrt, dass all die Theorien und Muster der Wissenschaft auch Täuschungen sind. Sie täuschen darüber hinweg, was in der Wirklichkeit geschieht.  Was bedeutet uns Menschlichkeit in den Sozialwissenschaften? Wie können wir diese Menschlichkeit auch in der Wissenschaft leben, würdigen und verteidigen gegen Hass und Ausgrenzung?

Die Sozialwissenschaften werden mehr als Begriffsgebäude und fein abgezirkelte Theorien brauchen. Sie werden dafür Mut brauchen, ihren Kern zu finden und für die Zukunft zu bewahren.

2. Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

M.K.-A.: Mitgefühl, Empathie, Zuwendung sind nicht unprofessionell. Diese Gefühle und Haltungen müssen da sein. Sie dürfen im Studium und in der Ausbildung nicht ausgetrieben werden. Wir müssen sie als Voraussetzung für unsere Wissenschaften begreifen, sie sind das Herz des Wissens, des Forschens, der guten Praxis in den Sozialwissenschaften und in der Sozialen Arbeit.

3. Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsgebiet bzw. Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

M.K.-A.: Gibt es einen roten Faden in meiner Wissensbiografie? Vielleicht den, dass ich schon in meiner Einstiegsphase nach den Wirkungen des Handelns in der Sozialen Arbeit gefragt habe. Was hilft den Menschen, was hilft wirklich? Und heute, nach den Jahren praktischer Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe, ist es eher so, dass ich das Gefühl nicht loswerde, ich hätte damals etwas übersehen, das, worauf es mir wirklich ankam: dass die Voraussetzung für unser Forschen und unsere Formen, Wissen zu formen, eine bedingungslose Menschlichkeit sein muss. Und dass diese Menschlichkeit auch in den Sozialwissenschaften auf dem Rückzug war, hinter Theoriemauern und Begriffsnetzen versteckt wurde und dass sie erst heute langsam wieder sichtbar wird, weil wir die Voraussetzungen und die Zerbrechlichkeit unserer Wissenschaftsgebäude angesichts einer brutalen Wirklichkeit – gezeichnet von Krieg, Armut, Flucht – wieder mit neuen Augen sehen.

Das ist meine Motivation jetzt – dieses bedingungslose Tun in der Sozialen Arbeit, dieses Dasein für Andere wieder mehr zu würdigen und wertzuschätzen.

4. Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Wenn ich nur eines nennen darf: dann jetzt aus dem Bereich der Literatur „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle. Diese sprachlich wunderbare, mutige, traurige Auseinandersetzung mit der eigenen psychischen Krankheit, ein Buch, das die Leerformeln der Diagnosen hinter sich lässt und die Krankheit mit Menschsein füllt. Wenn es zwei Bücher sind, dann „Das Unbehagen in der Kultur“ von Sigmund Freud. Der Zweifel ist die Substanz des Denkens! Und wenn es drei sind, dann ganz aktuell „Die Selbstsucht der Anderen“ von Kristin Dombek. An seinem Ende gelangt dieser kluge, reiche und differenzierte Essay auch dort an, wo die Wirklichkeit ist. Die Selbstsucht der Anderen zeigt unsere Abhängigkeit, und unsere Unabhängigkeit ist, so schreibt Kristin Dombek, ein Mythos.

5.     Ich bin Autor bei Budrich, weil…

… es dort eine Haltung der Offenheit und Vielfalt gibt, eine Wertschätzung und einen Mut für Positionen und Meinungen gibt. Und eine schöne und geduldige Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren. Danke dafür!


Zuletzt erschMaria Kurz-Adam Die Welt rettenienen im Verlag Barbara Budrich zwei Bücher von Maria Kurz-Adam:

Im Oktober 2017: Die Welt retten. Die Wiederentdeckung des Helfens in unserer Kultur des Sozialen
121 Seiten. Kart.
12,00 Euro. ISBN 978-3-8474-2120-7 (auch als eBook erhältlich).

Maria Kurz-Adam Kinder auf der Fluchtund im Juni 2016: Kinder auf der Flucht. Die Soziale Arbeit muss umdenken.
99. Seiten. Kart. 12,90 Euro. ISBN 978-3-8474-0574-0 (auch als eBook erhältlich).

November 21, 2017

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