Plage #1: VG Wort, die Erste

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Unabhängige Wissenschaftsverlage – die mageren Jahre

Was passiert mit unabhängigen Wissenschaftsverlagen, wenn ihr Geschäftsmodell pulverisiert wird? Als Verlegerin und Inhaberin eines unabhängigen Wissenschaftsverlages beschleicht mich seit einiger Zeit ein Gefühl der Paranoia. Und wir wissen ja, dass Paranoia keine Garantie dafür ist, dass man NICHT verfolgt wird!

Verlegerin mit Geist und Seele

Partnerschaftliches Miteinander

Freundschaften, die sich aus der Zusammenarbeit entwickeln. Hier Michael Lapsley und Barbara Budrich

Ich bin Verlegerin. Ich kann auch nichts anderes. Ich bin im Verlag aufgewachsen, habe zwischen Karteikarten das Alphabet gelernt, durch Versandarbeiten im Bücherlager das Postleitzahlensystem studiert, Digitalisierung und Internationalisierung „meiner“ Wissenschaften begleitet.

Ich stehe mit meinen Autorinnen und Autoren in einem guten Kontakt. Mit vielen bin ich freundschaftlich verbunden und zwar seit Jahrzehnten. Meine LektorInnen und ich stoßen Buch- und Zeitschriftenprojekte an, nehmen an einschlägigen Forschungsprojekten teil, entwickeln seit Jahren kontinuierlich Neues, z.B. seit 2005 Open Access-Publikationsmöglichkeiten und aktuell eine nachhaltig produzierte Programmlinie. Ich werde um Rat gefragt von Professorinnen und Professoren, von Institutionen und Organisationen. Ich berate zu Fragen rund um Publikationsstrategien, Wissenschaftsmarketing, Internationalisierung und sogar zu Streitfällen (keine Sorge: völlig unjuristisch). Und natürlich ergeben sich daraus auch innige Beziehungen, echte Freundschaften und wundervolle Begegnungen. Ich liebe meine Arbeit, bin stolz auf „meine“ AutorInnen, auf unsere Bücher und Zeitschriften!

Als Verlag sind wir aktiv in der Nachwuchsförderung – es gibt einen Barbara Budrich Posterpreis, der regelmäßig auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft verliehen wird, wir selbst loben jährlich einen Dissertationspreis aus, unterstützen den wissenschaftlichen Nachwuchs, u.a. dadurch, dass wir zum Verfassen von Rezensionen ermuntern, und meine MitarbeiterInnen und ich coachen NachwuchsautorInnen und -RedakteurInnen. Zudem bin ich als Mentorin aktiv, z.B. an der Universität Lüneburg, und mit budrich training bieten wir Schulungen in den Bereichen des wissenschaftlichen Schreibens, Präsentierens und Publizierens.

Ich habe selbst übersetzt, selbst veröffentlicht, viel gelesen, ich berate gelegentlich auch fachfremd (z.B. zum Veröffentlichen von Musicals) und Fachfremde (z.B. Freunde von AutorInnen), ich ermutige, motiviere, eröffne Kontakte, befördere Netzwerke. Ich bin selbst in verschiedenen Ehrenämtern aktiv und unser Unternehmen fördert, wo wir fördern können.

… und doch…

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir stören. Wie ich darauf komme? Seit geraumer Zeit braut sich etwas zusammen, die „fetten“ Jahre (im unabhängigen Wissenschaftsverlag sehr relativ …) sind offensichtlich vorüber, Plage reiht sich an Plage. Das Ergebnis kann der Untergang der vielfältigen Verlagslandschaft, das Ende des verlegerischen Mittelstands in Deutschland sein. Ein herzliches Willkommen an das Beinahe-Monopol der internationalen Profitmaximierer!

Doch sind es weder die Globalisierung noch der Markt, die uns nach dem Leben trachten. In meinen nächsten Posts stelle ich die Plagen vor. Sie machen uns als Verlag das Leben schwer. Und anderen Verlagen das Überleben gar unmöglich.

Plage#1: Das Ende der VG Wort-Entschädigung für Verlage

Aus meiner Sicht sind es Winkelzüge der Juristerei, die dazu geführt haben: Die Entschädigungen für Kopien werden nun nicht mehr zwischen Verlagen und AutorInnen geteilt. Die Verlage erhalten keine Vergütung dafür, dass die von ihnen verlegten und vertriebenen Inhalte kopiert werden. Ich bin nur eine einfache Verlegerin. Ich verstehe nichts vom Buchstaben des Gesetzes, dessen Auslegung die Richter des BGH zu ihrem Urteil geführt haben. Aber ich verstehe Folgendes:

Die VG Wort wurde in den 1950er-Jahren von AutorInnen UND Verlagen GEMEINSAM gegründet. Ihre Aufgabe war es, die Rechte von AutorInnen UND Verlagen wahrzunehmen – und Robert Staats, geschäftsführendes Vorstandsmitglieder sieht dies auch nach wie vor als wichtige Aufgabe der VG Wort. Beide Partner – AutorInnen und Verlage – wurden für Kopien entschädigt, die z.B. in öffentlichen Bibliotheken aus von AutorInnen verfassten und von Verlagen verlegten und vertriebenen Büchern gemacht wurden.

Verlage: Partner oder Erfindungen des Teufels

Verlage sind Partner im Publikationsprozess, keine Erfindung des Teufels. Sie arbeiten mit und für AutorInnen, damit die einen das Schreiben, die anderen das Publizieren erledigen können. Verlage sorgen dafür, dass die Publikationen den Weg in die Bibliotheken finden, die dann dort kopiert werden könnten.

Was auch immer der Buchstabe des Gesetzes gesagt haben mag: Nach meinem Laienverständnis war von Anfang an beschlossen und gemeint, dass AutorInnen UND Verlage GEMEINSAM entschädigt werden sollten. Und das ging die letzten immerhin fast 60 Jahre auch ganz gut.

Das ist vorbei. Die Juristen haben gesprochen – die Verlage sind raus.

Die VG Wort-Ausschüttungen der Jahre 2012 bis 2015 machen für viele Verlage 20% bis 200% des Jahresgewinns aus.

Doch nicht nur sind die Tage der Verlagsbeteiligung bei den VG Wort-Entschädigungen vorbei, die Verlage quasi enteignet. Wir, die Verlage, dürfen die nunmehr unrechtmäßig erhaltenen Gelder zurückzahlen – und zwar pronto. Mehr dazu in Plage #2.

 

 

 

 

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6 comments on “Plage #1: VG Wort, die Erste
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