Plage #3: Wissenschaftsschranke

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Wissenschaftsschranke – Neuregelung des Urheberrechts: kurzfristig kostenlos, langfristig unhaltbar

bücherregal auf laptop displayDer Referentenentwurf zur Neuregelung des Urheberrechts: Jetzt soll die  Wissenschaftsschranke kommen und damit die „Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft“ geregelt werden. Diese „Angleichung“ scheint zu bedeuten, dass nurmehr Verlage ihre Publikationen entschädigungslos zwecks Vervielfältigung und Verbreitung bei Bibliotheken abliefern dürfen. Diese Forderung nach Frei-verfügbar-Machen wissenschaftlicher und bildungsrelevanter Inhalte gehe noch nicht weit genug, meint irights.info. Weg mit den lästigen Zugangsbeschränkungen und nieder mit den Verlagen – so die Forderungen. „Elsevier und Co“ könnten dann bald einpacken, so ein Kommentator.
Eines daran ist für mich als Verlegerin erschreckend: Wenn dieser Gesetzentwurf in all seinem „Gut Gemeint“ tatsächlich Gesetz wird, dann ist der Wissenschafsstandort Deutschland in einer einzigartigen Situation. Und nicht unbedingt positiv einzigartig.
Unterstützen Sie den Aufruf für Publikationsfreiheit für eine starke Bildungsrepublik!
Kurzfristig, quasi für eine historische Millisekunde, könnten die Bibliotheken die aktuell verfügbaren Inhalte nahezu nach Belieben ohne Mehrkosten vervielfältigen und verbreiten – originäre Verlagsaufgaben – und zwar ohne die Verlage zu entschädigen. Denn eine Entschädigung liefe über die VG Wort und die darf ja bekanntlich nicht mehr an Verlage ausschütten.
Doch längerfristig? Das ursprüngliche Geschäftsmodell von Wissenschafts- und Bildungsverlagen – der Verkauf von Büchern und Zeitschriften – macht nach wie vor den Löwenanteil des verlegerischen Wirtschaftens aus. Dieses Geschäftsmodell würde dem Referentenentwurf nach weitestgehend pulverisiert. Und dann? Gehen „Elsevier & Co“ dann nach Hause?

Wissenschaftsschranke – Auswirkungen auf Verlage und Buchhandel

Durch eine rasche Einführung der geforderten Wissenschaftsschranke – noch in dieser Legislaturperiode – kämen alle Verlage unter Druck, zumindest für die Zeit, in der das „alte“ Geschäftsmodell – Verkauf von Publikationen – noch greift. Natürlich können Verlage umschalten: Anstatt 80 bis 90% der Umsätze aus Verkäufen zu generieren, wie dies z.B. bei uns aktuell der Fall ist, können die Kalkulationen auf Open Access umschwenken. Denn nichts anderes bedeuten die Forderungen aus dem Referentenentwurf: Faktisch werden alle Publikationen für die Wissenschaft kostenlos verfügbar gemacht, also in den Open Access gestellt. Zu großen Teilen ohne Vergütung der AutorInnen und definitiv ohne Vergütung der Verlage.
Es gäbe also eine Übergangszeit: Die Kalkulationen wären noch auf das Verkaufen von Publikationen ausgerichtet – doch wer sollte etwas kaufen, wenn es am heimischen Arbeitsplatz qua Verbreitungsrecht der Bibliothek jederzeit kostenlos abrufbar ist? Dieser Primärmarkt der Verlage würde also gegen Null schrumpfen.
Bis die Kalkulationen komplett auf Open Access umgeschwenkt sind, dauert es, denn Verlegerei ist ein längerfristig angelegtes Geschäft – jedenfalls in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Wir planen mindestens ein, nicht selten auch zwei und mehr Jahre im Voraus.
Ich denke, „Elsevier & Co“ werden wenig Probleme damit haben, die Zeiten zwischen den Geschäftsmodellen zu überbrücken, zumal ihre Standbeine über den Globus gut verteilt sind. Vielleicht bleiben kleinere Player auf der Strecke: Die Großen werden letztlich gestärkt aus dieser staatlich erzwungenen Neuordnung der Verlags- und Wissenschaftslandschaft hervorgehen.
Der Buchhandel, der sich auf die Belieferung von Bibliotheken fokussiert, darf sich ein neues Betätigungsfeld suchen: In der ganzen Republik braucht nur noch eine Bibliothek genau ein Exemplar eines beliebigen Werkes zu erwerben – oder man nimmt einfach eines der abgelieferten Pflichtexemplare aus der National- oder der jeweiligen Landesbibliothek. Der Rest wird qua Scan, Kopie und Austausch untereinander versorgt.
Was die geplante Gesetztesnovelle mit dem Wissenschaftsstandort Deutschland aus internationaler Perspektive macht, ist schwer zu beurteilen. Werden die internationalen Player lediglich gegen die Verletzung ihrer Urheberrechte klagen? Oder werden sie sich soweit als möglich aus dem uninteressanten, staatlich regulierten Markt entfernen?
Was wird aus der von Verlagen getragenen Digitalisierung? Übernimmt Google einen Teil der bestehenden Publikationsplattformen? Übernehmen die Bibliotheken die originären Verlagsaufgaben von konzeptioneller Beratung, Begleitung, Didaktisierung von Lehrwerken und Vermarktung – national wie international – gleich mit? Oder wird dies gar nicht mehr geleistet? Was bedeutet dies dann für die deutsche Wissenschaft – vor allem im internationalen Konzert?
Unterzeichnen Sie den Aufruf für Publikationsfreiheit für eine starke Bildungsrepublik!

Wissenschaftsschranke – Beratungsbedarf

Die an urheberrechtlichen Fragen interessierten Verbände und Institutionen haben bis 24. Februar 2017 Gelegenheit, zu dem Entwurf Stellung zu nehmen.

Diese Gelegenheit wurde bereits genutzt: www.publikationsfreiheit.de

Laut BMJV besteht in der Bundesregierung insbesondere zu folgenden Punkten noch „erheblicher Beratungsbedarf“ (vgl. http://www.urheberrecht.org/news/5800/):

  1. Vorrang gesetzlicher Nutzungsbefugnisse (Schranken) vor vertraglichen Vereinbarungen (§ 60g Abs. 1 UrhG-E);
  2. Maß der gesetzlich erlaubten Nutzungen (insb. § 60a Abs. 1 UrhG-E: 25 Prozent eines veröffentlichten Werks für Unterricht und Lehre);
  3. Ausnahmeregelung lediglich für Schulbücher, nicht aber für Lehrbücher (§ 60a Abs. 3 Nr. 2 UrhG-E);
  4. Art der Berechnung der angemessenen Vergütung nach § 60h Abs. 3 UrhG-E.

In den nächsten Tagen werde ich zu den einzelnen Punkten meine Einschätzungen posten.

Wissenschaftsschranke vs. Publikationsfreiheit

Ich gehöre zu den Erstunterzeichnenden des Aufrufs zur Publikationsfreiheit. Ich würde mich freuen, wenn auch Sie sich dafür aussprechen!

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One comment on “Plage #3: Wissenschaftsschranke
  1. Pingback: Plage #5: Auswirkungen - Wissenschaftsschranke im Detail - Der Budrich-Blog

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