Prekariat in der Wissenschaft: UrhWissG und die Benachteiligung des Mittelbaus

Facebooktwittergoogle_plusmail

Prekariat in der WissenschaftDer Referentenentwurf zum Urheberrecht (UrhWissG) verkennt die Situation in der Wissenschaft und befeuert bestehende Ungerechtigkeiten: 93% des wissenschaftlichen Nachwuchses arbeitet im Rahmen befristeter Verträge, die für wissenschaftliches Schreiben keine (Arbeits-)Zeit lassen. Die Situation an außeruniversitären Forschungseinrichtungen hingegen sieht ganz anders aus, sagt Jasmin Döhling-Wölm, Karriere-Coach und Leiterin des Consulting-Instituts für akademische Karriereentwicklung karrierekunst in Bremen, im Interview zum Referentenentwurf zum UrhWissG.

Lesen Sie das gesamte Interview mit dem Verlag Barbara Budrich (VBB):

VBB: Frau Döhling-Wölm, als Karriere-Coach von wissenschaftlichem Personal im gesamten deutschsprachigen Raum beschäftigen Sie sich in Ihrem Institut besonders mit der Sichtbarkeit und der Wirtschaftlichkeit von Leistungen, die im Rahmen von langfristigen akademischen Karriereverläufen erbracht werden. Kürzlich ist der Referentenentwurf zum UrhWissG vorgelegt worden, der ja nicht ganz unumstritten ist in seinen möglichen Auswirkungen.
Welche Herausforderungen sehen Sie denn in Bezug auf die akademischen Karriereaktivitäten von wissenschaftlichen Autoren und Autorinnen?

Jasmin Döhling-Wölm: Sehen Sie, in der abschließenden Begründung des Referentenentwurfs lesen wir:

Urheber aus der Wissenschaft sind häufig vor allem intrinsisch durch den Wunsch nach Reputation motiviert. Die in Aussicht stehende Vergütung für die Erarbeitung des geschützten Werkes selbst, sofern Honorare überhaupt üblich sind, treten dabei eher in den Hintergrund. Ihre Werke leben davon, von einem möglichst großen Kreis rezipiert zu werden. Bei Werken anderer Urhebergruppen ist zwar ebenfalls die möglichst große Verbreitung das Ziel. Diese muss zwingend aber auch mit einer möglichst hohen Vergütung einhergehen, weil sie davon ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise bestreiten. Urheber in der Wissenschaft hingegen haben zumeist Anspruch auf Gehalt von einer Bildungs- oder Forschungseinrichtung, häufig finanziert durch die öffentliche Hand.“

Hier wird das systemimmanente Motivationsmodell der intrinsischen Motivation und des Bedürfnisses nach Reputation genutzt, um die Wirtschaftlichkeit des Schreibens als Berufsfunktion im Wissenschaftsbetrieb weiter auszuhöhlen und strukturelle Ungleichgewichte innerhalb des Wissenschaftssystems zu verstärken. So geraten Urheber aus der Wissenschaft immer wieder und mehr in eine ausbeutungsnahe Dimension. Und durch den vorliegenden Referentenentwurf wird dies befeuert.

Worin genau liegt denn diese ausbeutungsnahe Dimension?

Insbesondere da davon ausgegangen wird, dass die schriftlichen wissenschaftlichen Leistungen überwiegend im Rahmen einer angemessen bezahlten Arbeitszeit erschaffen werden. Wohlgemerkt innerhalb der Arbeitszeit sieht dies der Referentenentwurf im soeben genannten Zitat vor. Ignoriert wird an dieser Stelle des Entwurfs die Realität, dass die bezahlte Arbeitszeit in der Regel komplett eingenommen wird von operativer Forschungs- und Lehrtätigkeit und akademischer Selbstverwaltung und dem Schreiben von Forschungsanträgen. Ich habe bislang keine Person im wissenschaftlichen Nachwuchs oder mit Post-Doc-Status in Hochschulen getroffen, die mir bestätigt hat, innerhalb der Arbeitszeit, Papers oder Monographien zu schreiben. Und als überregionale Coach kann ich auf eine sehr große Gruppe an befragten Personen aus den deutschen Hochschulen  zurückgreifen. Das Argument mit den Einzelfällen zieht hier also nicht.

Anders ist das allerdings in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Da gibt es vereinzelt durchaus vertragliche Konstruktionen, die das Verfassen von Veröffentlichungen  innerhalb der Arbeitszeit ermöglichen.

Schreiben, auch wissenschaftliches Schreiben, wird in der Regel eher als Nebenprodukt von Forschung und Lehre betrachtet. Das muss sich dringend ändern. Der Referentenentwurf droht an dieser Stelle indirekt die akademischen Personalentwicklungsbemühungen der letzten Jahre zu torpedieren.

Inwiefern kann der Referentenentwurf denn die Personalentwicklung des wissenschaftlichen Personals berühren?

Zwar müssen alle publizieren, da individuelle Publikationslisten als Indikator der wissenschaftlichen Wirkung und Auswirkungen auf den Lebensläufen nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Der Austausch ist gut – und er ist wichtig.

Wissenschaftliches Schreiben muss aber einen eigenen Profilschwerpunkt bilden können in einer wissenschaftlichen Karriereentwicklung. Es gibt ebenso exzellente Texte wie auch erschreckende. Meine Kollegin wirkt in ihren englischsprachigen Publikationscoachings zum Beispiel genau darauf hin, Publizieren auch als netzwerkorientierten professionellen Prozess der Sichtbarkeit wahrzunehmen.
Und so wie die Einheitsqualität von Forschungs-, Lehre- und Administrationskompetenz eine Illusion ist, ist es auch eine Illusion, dass jede und jeder schreiben könnte.

Profilbildung ist das Ziel in den akademischen Karrieren, damit jemand auch operative Karriereziele innerhalb und außerhalb von Wissenschaftsorganisationen definieren und ansteuern kann. Das beschreibe ich ja ausführlich in meinem Buch zur akademischen Karriereentwicklung in Ihrem Verlag.

Der Referentenentwurf bietet jedoch in der vorliegenden Form genau dem Szenario Raum, die Qualität der Veröffentlichungen mittel- und langfristig eher sinken zu lassen.

Wie genau kann denn der Referentenentwurf Einfluss auf die Qualität der Veröffentlichungen haben?

Will man mit dem Referentenentwurf auch die Qualität der gesellschaftlichen Wissensweiterentwicklung durch Bereitstellung der Veröffentlichungen steigern, und darum sollte es doch auch gehen, dann müssen die Arbeitsbedingungen und Anreizsysteme für die Erstellung wissenschaftlicher Veröffentlichungen berücksichtigt werden.

Dazu bedarf es Evaluationsprozessen, die Arbeitszeit – auch im teilweise unabhängigen Peer-Reviewing – binden, die irgendwer bezahlen muss oder sich aus dem übervollen Alltag schneidet.

Dazu bedarf es darüber hinaus der Profis – in Verlag, Lektorat, Korrektorat, Übersetzung, Druck und Satz, Design usw. -, die eine professionelle Textgenerierung, Lesbarkeit, Gesellschaftsbezug, kritische Betrachtung durch die interessierte Öffentlichkeit mit Wirtschaftlichkeitsprüfung verbinden. Professionalität heißt dann auch, dass hier eine Qualifizierung und Qualitätsprüfung dahinter steht, die bezahlt werden muss.
Es gibt keine Qualität umsonst.

Diese Perspektive berücksichtigt der Referentenentwurf in zu geringem Ausmaß.

Was heiß das in der Folge konkret für die Wissenschaftler_innen und den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Die professionelle Sichtbarkeit in den Karrierenetzwerken ist bedroht. Professionalität ist eben kein singuläres und isoliertes Handeln. Auch Autor_innen benötigen professionellen Support, um als Profis und Expert_innen sichtbar zu werden. Nur das bringt Reputation.

Der Referentenentwurf droht unbeabsichtigt in der vorliegenden Form, zu einer Ausdünnung der Verlagsdichte und Verlagsvielfalt beizutragen. Diese Monopolisierung wäre aber eine große Rolle rückwärts im Prozess der Demokratisierung der wissenschaftsschreibenden Zunft.

Demokratisierung von Sichtbarkeit und Digitalisierung dürfen durch den Referentenentwurf nicht versehentlich gegeneinander ausgespielt werden.

Dort, wo tatsächlich Veröffentlichungen innerhalb der Arbeitszeit im Öffentlichen Dienst erschaffen werden, haben Forschende in der Regel bereits eine Vorteilshäufung gegenüber Forschenden und Lehrenden, die nur wenig Zeitflexibilität haben. Besonders trifft das auf die 93% befristeten und kurzzeitig beschäftigten Nachwuchswissenschaftler_innen und Post-Doktorand_innen, also den Mittelbau der Hochschulen, zu. Im Übrigen eine Zahl, die in den letzten fünf Jahren von 83% angestiegen ist. Dies wird auch tagesaktuell von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in ihrem Artikel zum dritten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, der im Februar 2017 vorgestellt wurde, aufgegriffen.

Der Referentenentwurf zum UrhWissG trägt in der aktuellen Fassung u.a. zur Verschärfung der Ungleichheit zwischen außeruniversitären und hochschulischen Arbeitsbedingungen bei.  Darüber hinaus wird die Benachteiligung im Rahmen einer professionellen Sichtbarkeit in der Wissenschaftsgemeinde zugespitzt, da professionelle Textweiterentwicklung und das Erscheinen in renommierten Verlagen nun einmal Geld kostet. Diese Kosten würden auf die Publizierenden selbst übertragen mit der aktuellen Gesetzesidee. Damit wären wieder jene schlechter gestellt, die ohnehin schon im über 93-prozentigen prekären deutschen Mittelbau um wissenschaftliche Anerkennung ringen.

Was würden Sie denn als Wissenschaftscoach empfehlen, um die Interessen des akademischen Personals zu berücksichtigen?

Der Referentenentwurf ist gut gemeint, aber noch nicht zu Ende gedacht. Die Ziele der Qualitätssicherung der Veröffentlichungen, der ökonomischen Kompetenzerweiterung bei wissenschaftlichem Personal in Bezug auf Karriereoptionen und der Möglichkeit zur Beteiligung und Mitwirkung in einer vielfältigen publizierenden Profiliga müssen als Kollateralgewinne berücksichtigt werden im vorliegenden Referentenentwurf zum UrhWissG.

Kurz:

  1. Rechtsicherheit schaffen bei möglichen technischen Lücken und Vervielfältigungsprozessen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.
  2. Konsequente Umsetzung von bestehendem Urheberrechtsgesetz.
  3. Sicherung der Meinungsvielfalt durch eine unabhängige und spezialisierte Verlagsvielfalt, die ihrerseits kleinere und flexiblere Unternehmensstrukturen stabilisiert. Das bedarf weiterhin bilateral verhandelter Verkaufs- und Überlassungsverträge jenseits von Großabnahmevereinbarungen mit Verlagskonzernen.
  4. Schaffung der Möglichkeit, in befristetem Arbeitsverhältnis im Öffentlichen Dienst, in freiberuflicher Tätigkeit oder in der Privatwirtschaft wissenschaftliches Schreiben und das Generieren von Wissen auch als wirtschaftlichen Faktor zu etablieren.
, ,
2 comments on “Prekariat in der Wissenschaft: UrhWissG und die Benachteiligung des Mittelbaus
  1. Ich verstehe nicht, wie Frau Döhling-Wölm zur Schlussfolgerung kommt, in der außeruniversitären Forschung sei es anders (sprich: besser) als im universitären Setting. Im nächsten Satz heißt es dann auch bezeichnenderweise, dass es „vereinzelt“ vertragliche Konstruktionen gebe, die Publizieren in der bezahlten Arbeitszeit mit umfassen würden – in der Regel gibt es sie folglich nicht. Und dies kann ich aus meiner Erfahrung nur unterstreichen und auch die Erfahrung, dass der außeruniversitäre Bereich dem universitären leider um nichts an Prekarität nachsteht – ganz im Gegenteil: Dort sind die Zukunftsperspektiven der Forscherinnen teilweise noch deutlich kürzer.

    • Liebe Frau Mayrhofer,
      herzlichen Dank für Ihren Einwand.

      Der Referentenentwurf zum UrhWissG betrifft in der Tat alle Forschenden.
      Ich gebe Ihnen recht, dass die Situation in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen nur vereinzelt besser ist in Bezug auf die Vertragsstrukturen. Kürzere Verträge als kettenartige Dreimonatsverträge (zum Teil noch mit Vertragsunterbrechungen in der vorlesungsfreien Zeit), wie sie nicht selten an deutschen Hochschulen vorkommen, habe ich jedoch noch nicht als strukturelles Element beobachten können bei unseren Coachees in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Diese besonders prekären Arbeitsbedingungen betreffen gemäß meiner langjährigen Beobachtungen in erster Linie die Lehrbeauftragten für besondere Aufgaben, die Promovierenden und die Post-Docs in den ersten drei Jahren der Post-Doc-Phase in den Hochschulen. Und diese Gruppen sind besonders herausgefordert, exzellente Publikationsleistung zu erbringen und zu positionieren, um sich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler zu etablieren.

      Was die Publikationskultur, die Publikationsförderung und die Zugänge zum Beispiel zu High Impact Journals angeht, so verfügen die Forschenden der außeruniversitären Forschungseinrichtungen gemäß unserer Beobachtungen jedoch über deutliche strukturelle Vorteile gegenüber den Forschenden in Hochschulen.

      Die Forschenden der Hochschulen können zum Beispiel nur auf einen Bruchteil des systematischen Supports zu Drittmittelantragsverfahren der außeruniversitären Einrichtungen und zum High Impact Medienzugang setzen.

      Der aktuell vorliegende Referentenentwurf zum UrhWissG sollte also im Sinne aller Forschenden überarbeitet werden, um nicht unabsichtlich die Disparitäten der Forschungsorganisationstypen in zunehmende Nachteile für eine Gruppe zu wandeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*