Stigmatisierung nach sexuellem Missbrauch

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Stigma macht vulnerabel, gute Beziehungen schützen

Sexueller Missbrauch in den Entwicklungsverläufen von jugendlichen Mädchen in der stationären Jugendhilfe

Cornelia Helfferich, Barbara Kavemann, Heinz Kindler, Silvia Schürmann-Ebenfeld, Bianca Nagel

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Heft 3/2017. S. 261-275

Zusammenfassung
Stigmatisierende Reaktionen des Umfelds auf sexuellen Missbrauch erhöhen die Vulnerabilität für erneute sexuelle Übergriffe. Dies wird für die spezielle Gruppe weiblicher Jugendlicher mit einer Vorgeschichte sowohl sexuellen Missbrauchs als auch einer Inobhutnahme gezeigt. Es wird ausgeführt, wie sich Stigmatisierungen aufgrund der Opfererfahrung und solche aufgrund sozialer Lebensumstände gegenseitig verstärken. Die biografische Dynamik von verfestigten „Stigma-Karrieren“ („Persistance“) bzw. von Herauswachsen aus Gefährdungen („Desistance“) werden aufgezeigt. Die Studie „Prävention von Re-Viktimisierung bei sexuell missbrauchten Jugendlichen in Fremdunterbringung“ („PRÄVIK“) liefert die standardisierten und qualitativen Daten aus den Befragungen der speziellen Zielgruppe 2015 und erneut 2016. Die Studie wurde in Kooperation des Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstituts, Freiburg, und des Deutschen Jugendinstituts, München, durchgeführt.

Schlagwörter: Sexueller Missbrauch, Re-Viktimisierung, Jugendhilfe, Stigmatisierung, soziales Umfeld

Stigma increases vulnerability, positive relationships are protective: sexual abuse in the developmental trajectories of adolescent girls in residential care.

Abstract
Stigmatizing reactions from others, in response to sexual abuse, and victim-blaming increase the vulnerability to revictimization. This is displayed for a particular group of female adolescents with both a history of sexual abuse and out-of-home residential care. The biographical dynamics of persisting “stigma careers” and the outgrowing out of stigma as “desistance”, as well as the mutual reinforcement of socialand abuse-related stigmatization are demonstrated. The study “Prevention of Re-Victimization of Sexually Abused Young Girls in Out-of-Home Care” (PRÄVIK), conducted in cooperation with the Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstitut (SOFFI) in Freiburg and the German Youth Institute (DJI) in Munich, provides standardized and qualitative data from surveys of the particular target group in 2015 and repeated in 2016.

Keywords: Sexual abuse, Re-Victimization, Child and Youth services, Stigmatization, Social environment

1. Einleitung

Pädagogik trifft in unterschiedlichen Settings auf Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend, so z.B. in den Einrichtungen der stationären Jugendhilfe. Da eine der gut dokumentierten Folgen sexuellen Missbrauchs eine erhöhte Wahrscheinlichkeit ist, in der Jugend oder im Erwachsenenalter erneut sexualisierte Gewalt zu erleben (Re-Viktimisierung) (Walker u.a. 2017; Pittenger/Huit/Hansen 2016), ist die Prävention einer solchen Wiederholung eine besonders dringliche Aufgabe der pädagogischen Begleitung Betroffener.

In diesem Zusammenhang hat die hier vorgestellte Studie erforscht, welche Folgen des Gewalterlebens zugleich Risikofaktoren für eine Re-Viktimisierung darstellen. Belegt ist, dass nicht nur Merkmale des sexuellen Missbrauchs selbst sowie die psychischen Folgen zum Risiko einer Re-Viktimisierung beitragen, sondern auch die Reaktionen des Umfelds (Schönbucher u.a. 2014, Kavemann u.a. 2016). So mindern z.B. unterstützende Reaktionen die Beschämung und Ausgrenzung der Opfer und ein nicht stigmatisierendes Umfeld erleichtert die Hilfesuche. Der Einbezug des sozialen Umfelds und dessen möglicher Beitrag zur Bewältigung des sexuellen Missbrauchs liefert der Pädagogik neue Ansatzpunkte für eine Prävention sexualisierter Gewalt im Jugendalter, die auf die spezifischen biografischen Vorerfahrungen von besonders vulnerablen Mädchen zugeschnitten ist.

Dieser Beitrag untersucht bei weiblichen Jugendlichen mit einer Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs und einer Inobhutnahme, inwieweit stigmatisierende Reaktionen des Umfelds die Vulnerabilität für erneute sexuelle Übergriffe erhöhen und ob sie als Katalysatoren in sich verfestigenden Risikoprozessen wirken. Gefragt wird zudem, wie sich Stigmatisierungen aufgrund des sexuellen Missbrauchs zu anderen Stigmatisierungen im Lebenslauf verhalten – Jugendliche in Fremdunterbringung sind mehrfach stigmatisiert – und wie sich durch Stigmatisierungen in den biografischen Verläufen Risikopotenziale für Re-Viktimisierungen aufbauen.

Die Studie „Prävention von Re-Viktimisierung bei sexuell missbrauchten Jugendlichen in Fremdunterbringung“ („PRÄVIK“)[1] liefert die standardisierten und qualitativen Daten aus den Befragungen der speziellen Zielgruppe 2015 (n = 42) und erneut 2016 (n = 26, Kurzzeitlängsschnitt). An der Studie beteiligten sich 19 Einrichtungen der stationären Jugendhilfe aus vier Bundesländern in städtischem und ländlichem Umfeld. Sie repräsentieren eine breite Vielfalt unterschiedlicher Formen der Unterbringung: Einrichtungen speziell für Mädchen, SOS-Kinderdorf, Internat, therapeutische Wohngruppen, Einrichtungen des betreuten Einzelwohnens und sozialpädagogische Jugendgruppen. Die von den Mädchen genannten Vorkommnisse sexualisierten Missbrauchs fanden in unterschiedlichen Settings und unterschiedlicher Ausprägung statt. Sie reichten von „Hands-off“ Delikten wie dem heimlichen Filmen durch den Pflegevater unter der Dusche über eine einmalige Vergewaltigung im Alter von 12 Jahren bis zu chronischem, invasivem Missbrauch in der Familie von Kindheit an. 18 Mädchen hatten einen Migrationshintergrund, acht in erster und zehn in zweiter Generation. Bei den Mädchen der Stichprobe muss in vielen Fällen von Poly-Viktimisierung gesprochen werden. Von den 42 Mädchen hatten zusätzlich zum sexuellen Mißbrauch 34 körperliche Gewalt durch einen Elternteil/eine erwachsene Bezugsperson erlebt, 32 Gewalt zwischen Eltern/Bezugspersonen miterlebt, wurden 30 vernachlässigt und 29 emotional missbraucht.

Die Studie wurde in Kooperation des Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstituts, Freiburg, und des Deutschen Jugendinstituts, München, durchgeführt.

Nach der Darstellung von Forschungsstand (2) und Methode (3) werden die negativen Zuschreibungen (4.1), der Umgang damit (Stigma-Management[2]) und dessen Folgen für soziale Beziehungen und Re-Viktimisierungen (4.2) aus den biografischen Interviews und aus den subjektiven Theorien der Mädchen rekonstruiert. Aus den standardisierten Daten werden die negativen Reaktionen Gleichaltriger und eine fehlende soziale Einbindung quantifiziert (4.3). Gezeigt wird, dass Ausgrenzungen sich zu Lebensstilen verfestigen können, die ein höheres Risiko von Re-Viktimisierung mit sich bringen, und dass bestimmte Strategien von Stigma-Management Stigmatisierungen verschärfen können. Am Ende (5) stehen eine Diskussion und Schlussfolgerungen für die Prävention.

2. Stand der Forschung

Es gilt als gesicherter Befund zahlreicher Studien, dass nach einer Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs das statistische Risiko, im Jugend- und Erwachsenenalter erneut sexualisierte Gewalt zu erfahren („Re-Viktimisierung“), etwa um das Zwei- bis Dreifache erhöht ist, womit etwa die Hälfte der als Kind sexuell Missbrauchten von erneuter Gewalt betroffen ist (Forschungsübersichten: Walker u.a. 2017; Pittenger/Huit/Hansen 2016). Es sind aber Fragen offen, wie dieser Zusammenhang zu erklären ist, nicht zuletzt wegen methodischer Probleme (u.a. fehlende Längsschnittstudien), wegen uneinheitlicher Definitionen sexuellen Missbrauchs sowie wegen der Komplexität der biografischen Entwicklungen. Untersucht wurde v.a. die Abhängigkeit der Häufigkeit und des Schweregrads späterer Re-Viktimisierungen zum einen von Merkmalen des sexuellen Missbrauchs (z.B. Invasivität, Chronizität; z.B. Swanston u.a. 2002), zum anderen von den psychischen Folgen, darunter Traumatisierungen und unter PTSD zusammengefasste Symptome (Classen/Gronskaya Palesh/Aggarwal 2005). Die hier vorgelegten Ergebnisse betreffen dagegen die sozialen Folgen sexuellen Missbrauchs, insbesondere die stigmatisierenden Reaktionen des sozialen Umfelds auf den sexuellen Missbrauch, in ihrem Einfluss auf die Vulnerabilität von Missbrauchsopfern für erneute Übergriffe.

Eine Systematisierung der heterogenen Forschungslandschaft zu traumatogenen Wirkungen sexuellen Missbrauchs (Finkelhor/Browne 1985) führt „Stigmatisierung“ als eigenständigen Bereich auf. „Stigmatization (…) refers to the negative connotations – e.g., badness, shame, and guilt – that are communicated to the child around the experience and that than become incorporated into the child’s self-image” (Finkelhor/Browne 1985, S. 534). Vermittelt wird dieses Negative vor und nach der Gewalthandlung (Finkelhor/Browne 1985, S. 538f.) und allgemeiner in Haltungen der Gesellschaft, z.B. in religiösen und kulturellen Sexualitätstabus und einer Abwertung der Opfer als „spoiled goods“. Diese negative Bedeutung wirkt sich bei Opfern als Stigma aus, verbunden mit dem Gefühl, anders zu sein als andere Menschen. Als Folgen der negativen Reaktionen beschreiben Finkelhor und Browne neben psychischen Auswirkungen eine höhere Wahrscheinlichkeit sozialer Isolation, eines Zusammenschlusses mit anderen Marginalisierten sowie von Alkoholmissbrauch, Kriminalität oder Prostitution.

Pescosolido/Martin (2015, S. 88f) schlagen vor, von „Diskriminierung“ zu sprechen, um die Stigmatisierungsfolgen, oder von „Etikettierung“ („Labeling“), um die soziale Definition von Abweichung hervorzuheben. Hier wird der Begriff „Stigmatisierung“ beibehalten, um den Prozess der Zuschreibung zu fokussieren (Goffman 1975). Kennedy/Prock (2016, S. 2) nennen als Beispiele für soziale Stigmatisierungen „victim blaming, negative representations in the media, dominant narratives and stereotypes about female victims“ und spannen das Spektrum der Formen von Stigma(tisierung) von einem externalisierten zu einem internalisierten Pol in der Reihung „negative social reactions upon disclosure – anticipatory stigma – internalized stigma – shame – self-blame“.

Stigmatisierungen von Missbrauchsopfern, die daraus erwachsenden Scham- und Schuldgefühle sowie Ausgrenzungen und Abwertungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit erneuter sexueller Übergriffe (z.B. Ullman/Peter-Hagene 2016; Kennedy/Prock 2016). Erklärungen dafür führen die höhere Ausprägung von PTSD-Symptomen bei einer Stigmatisierung an oder den Befund, dass ein „anticipated stigma“ dazu führt, dass sexuelle Gewalt verheimlicht und niemandem mitgeteilt wird (Miller u.a. 2011). Hier ergibt sich eine Schnittstelle zur Forschung zu Disclosure (Kavemann u.a. 2016). Eine dritte Erklärung untersucht Re-Viktimisierungen als Produkt einer sich biografisch entfaltenden Dynamik vielfältiger Stigmatisierungen. Damit wird die Kritik an einer Definition von Re-Viktimisierung aufgegriffen, die lediglich zwei Ereignisse – Viktimisierung und Re-Viktimisierung – zueinander in Bezug setzt und nicht die Akkumulation von Gefährdungen beachtet (Scott-Storey 2011). Zu den wenigen bislang vorliegenden Studien, die den biografischen Bezug ausarbeiten, gehört die von Finkelhor/Ormrod/Turner (2007), die die Verfestigung von Opferbiografien bei Poly-Viktimisierungen („Persistence“) bzw. deren Abflachen und das Herauswachsen aus dem Risiko („Desistance“) untersuchen.

In der Forschung wird dem Jugendalter eine besondere Bedeutung für Viktimisierungsbiografien zugemessen. Festgestellt wurde, dass Jugendliche nicht nur sexualisierte Gewalt v.a. in ihrem sozialen Umfeld erleben (Krahé 2009; Allroggen/Rau/Fegert 2015), sondern auch Stigmatisierungen, Degradierungen und Beschämungen. In der Forschung zu Bullying (Gewalt an Schulen im Zusammenspiel von mehreren beteiligten Rollen, z.B. neben Opfer und Täter Unterstützer, Assistenten und Verstärker (Scheithauer/Hayer/Petermann 2003)) wird insbesondere die Verfestigung des Opfer-Stigmas als Problem genannt. Die Stigmatisierten werden dauerhaft und als ganze Personen diskreditiert und die Gewalt wird nicht sanktioniert. Diesen Status können sie nur schwer verlassen. Dies kann sich auch auf sexuelle Gewalt unter Jugendlichen beziehen. Jugendliche Gleichaltrige sind aber auch ein Potenzial für Unterstützung. Einer der wenigen Faktoren, die positiv mit dem Herauswachsen aus einer Gefährdung und mit dem Schutz vor erneuten Viktimisierungen verbunden sind, ist bei Finkelhor/Omrod/Turner (2007, S. 494) eine höhere Zahl von (unterstützenden) Freunden. Jugendliche vertrauen sich zudem eher Gleichaltrigen als Professionellen an, insbesondere dann, wenn die erlittene Gewalt von Gleichaltrigen ausging (z.B. Priebe/Svedin 2008, Hessling/Bode 2015, S. 22, Schönbucher u.a. 2012). Dies gilt auch dann, wenn das Risiko besteht, dass durch ein Weitererzählen des Anvertrauten Stigmatisierungsprozesse gerade ausgelöst werden.

Die Mehrzahl der Befunde zu Re-Viktimisierungen nach einer Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs wurde an Studierenden gewonnen. Untersuchungen mit besonders vulnerablen Gruppen sind selten, gewinnen aber an Bedeutung angesichts der Tatsache, dass auch andere soziale Merkmale sowohl das Stigmatisierungs- als auch das Re-Viktimisierungsrisiko erhöhen. Finkelhor u.a. (2011) nennen diesbezüglich Kindesvernachlässigung, ein dysfunktionales Familienumfeld, unterschiedliche weitere Gewalterfahrungen und das Aufwachsen in „dangerous neighbourhoods“. Kennedy/Prock (2016, S. 9) fassen zusammen, dass Opfer sexuellen Missbrauchs in sozial benachteiligten Gruppen in ausgeprägterer Weise sowohl stigmatisiert werden, als auch negative Zuschreibungen übernehmen. In Analogie zur Poly-Viktimisierung kann hier von einer Poly-Stigmatisierung gesprochen werden.

Die Leerstellen der Forschung führten zur Forschungsfrage, welche Stigmatisierungen weibliche Jugendliche in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe mit einer Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs erlebt haben, wie sie damit umgehen und inwieweit sie dies vulnerabel oder resilient für erneute sexuelle Übergriffe macht. Die Stigmatisierung aufgrund des sexuellen Missbrauchs wird in ihrer Verbindung mit anderen sozialen Stigmata in biografischen Prozessen der Verfestigung oder des Herauswachsens aus Gefährdungen untersucht und Entwicklungspfade mit einem mehr oder weniger hohen Re-Viktimisierungsrisiko bestimmt.

[1] Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).
[2] Nach Goffman (1975): Techniken der „Bewältigung beschädigter Identität“.

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