Westlicher Überlegenheitsnarrativ und muslimische Geschlechterordnung

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Sexueller Exzeptionalismus als Kulturalisierung von Geschlecht und Sexualität

Gabriele Dietze

FZG – Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien, Heft 2/2017. S. 21-36

Zusammenfassung: Unter Sexuellem Exzeptionalismus wird ein deutsch/europäisches Überlegenheitsnarrativ verstanden, das sich an einer behauptet repressiven muslimischen Geschlechterordnung entfaltet. Dabei findet eine Kulturalisierung von orientalisiertem Geschlecht statt. Diese ist diskursiv mit uneingestandenen Emanzipationsdefiziten des Wes­tens verflochten: mit ambivalenten Nachwirkungen der Sexuellen Revolution, unvollendeten Frauen- und Homosexuellenbewegungen, der schleichenden Auflösung der heteronorma­tiven Kernfamilie und der neoliberalen Anrufung, ‚sexuelle Unternehmer_in‘ ihrer/seiner selbst sein zu sollen. Nach einer Genealogie problematischer Kulturbegriffe konfrontiert ein zweiter Teil des Aufsatzes okzidentalistische Überlegenheitsnarrative mit migrantischen Gegenreden aus der Populärkultur. Zuletzt werden die entwickelten Thesen in den Kontext soziologischer Untersuchungen über die abendländische Liebes- und Sexualordnung gestellt und versucht, Rückkopplungsaspekte von Fremd- und Eigenwahrnehmung zu erfassen.

Schlagwörter: Antimuslimischer Rassismus; Okzidentalismuskritik; Sexualpolitik; Fami­liensoziologie; Migration und Gender.

Sexual Exceptionalism as culturalization of gender and sexuality

Abstract: Sexual exceptionalism is understood as a German/European narrative of superi­ority that positions itself against an allegedly inferior Muslim gender order. Here, a cultur­alization of orientalized gender and sexuality takes place. These processes are discursively intertwined with unacknowledged deficits of Western emancipation: with the ambivalent aftermath of the sexual revolution, the incomplete women’s and homosexual movements, the creeping dissolution of the heteronormative nuclear family and the neoliberal call to become ‘sexual entrepreneurs’ of one self. After providing a genealogy of problematic concepts of culturalization, the second part of the essay confronts Occidental narratives of superiority with migrant counter-narratives from popular culture. Finally, the results of the essay are placed in the context of sociological studies of Occidental regimes of love and sexuality and an attempt will be made to capture some feedback-effects in the confrontation of self-percep­tion and perception by others.

Keywords: Anti-Muslim Racism; Critique of Occidentalism; Sexual Politics; Sexuality Studies; Migration and Gender.

Einleitung

Vor 25 Jahren hat Ayşe Çağlar vom ‚Gefängnis‘ oder der ‚Zwangsjacke‘ Kultur gesprochen, als sie die Eindimensionalität der Forschung über Türk_innen in Deutschland kritisierte. Sie machte dabei drei Probleme aus, nämlich, dass eine holistische Vorstellung von ‚Kultur‘ vorherrsche (Çağlar 1990: 95f.) und dass es zu einer Gleichsetzung von Ethnie und Kultur komme (ebd.: 97f.). Eine Kul­turalisierung von Migration verhindere darüber hinaus eine Betrachtung der Einwanderung als vielfältiges Phänomen unterschiedlichster Persönlichkeits­entwürfe, synkretistischer sozialer Praktiken und verunmögliche die Wahrneh­mung von Interaktionen zwischen Eingewanderten und ‚Einheimischen‘. Seit dem Zuzug geflüchteter Menschen 2015 hat sich dieser Blick eher noch ver­schärft. Migrant_innen und Geflüchtete werden weiterhin kulturalisiert. Eine neuere Entwicklung des beginnenden 21. Jahrhunderts ist, dass alle muslimi­schen Migrant_innen ungeachtet unterschiedlicher Herkunftsländer und Islam-Affiliationen ein homogenes Religions- und Regelverständnis nachgesagt wird, das ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten präge und an Kind und Kindeskinder weitergegeben werde. Damit wurde so etwas wie ein homo islamicus (Tezcan 2009: 76) konstruiert.

Das hier indizierte antimuslimische Ressentiment wird im Folgenden nicht Islamophobie genannt. Diese Wortwahl verharmlost die Tatbestände und the­matisiert lediglich die Ängste – Phobien – der dominanten ‚Kultur‘ und nicht die Opfer des Ressentiments. Ich ziehe vor, den Terminus antimuslimischer Ras­sismus zu verwenden (Shooman 2014). Der Begriff Rassismus ist auch deshalb wichtig, weil es in Deutschland (und in vielen europäischen Nachbarländern) tabuisiert ist, ihn jenseits von – angeblich überwundenem – Antisemitismus für gegenwartsrelevant zu halten. Der Wortgebrauch Rassismus ist mir auch des­halb ein Anliegen, weil ich die Gewaltsamkeit hervorheben möchte, die im anti­muslimischem Ressentiment liegen kann, wie sie beispielsweise in der Rhetorik der ‚Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes‘ (PEGI­DA) oder in Anschlägen gegen Asylunterkünfte zum Ausdruck kommt. Obwohl antimuslimischer Rassismus in seiner allgemeinen Form überall im Globalen Norden präsent ist, gehe ich mit David Theo Goldberg und Stuart Hall davon aus, dass alle Rassismen historisch und lokal spezifisch sind (Hall 1992: 12).

Im Folgenden sollen Narrative der Migrationsabwehr in drei miteinander inter­agierenden Vorstellungsfeldern herausgearbeitet werden. Zum Ersten geht es um die Vorstellung, Muslim_innen seien, ungeachtet ihrer internen Verschie­denheit, einer rückständigen Sexualordnung unterworfen, die von ihrer ‚Kultur‘ geprägt sei, d. h. die Leugnung der fortdauernden Existenz einer ‚Rasse‘-Idee wird durch die Stigmatisierung einer als homogen wahrgenommenen ‚Kultur‘ ersetzt. Geschlecht und Sexualität werden damit kulturalisiert. Zum Zweiten wird eine okzidentalistische Überzeugung dargestellt, dass im Unterschied zu einem angenommen rückständigen orientalischen Geschlechterregime das Abendland über die am weitesten fortgeschrittene Sexualordnung verfüge. Diese Geisteshaltung wird im Folgenden Sexueller Exzeptionalismus genannt. Beide sexualpolitisch argumentierenden Narrative haben einen doppelten Effekt: Einerseits produzieren sie abendländische Überlegenheit, sozusagen ein Frei­heits- und Emanzipationsprivileg, und andererseits erklären sie die ‚Anderen‘ für unfrei. Diese beiden miteinander verknüpften Narrative – und hiermit ist das dritte Vorstellungfeld aufgerufen – beruhen auf der Annahme einer nach längeren Befreiungskämpfen vollendeten westlichen Emanzipation von hetero­sexuellen Frauen und Queers. Anhand der Ergebnisse familiensoziologischer Studien soll zuletzt gezeigt werden, dass ein solcher Emanzipationserfolg weder eingetreten ist, noch, wenn ein solcher angenommen wird, er zu einem zufriedenstellenden und glücklich machenden Ergebnis geführt hat. Diese Vor­annahmen haben zwei miteinander verflochtene Thesen zur Folge. Erstens: Die Vorstellung, man habe in Europa sexuelle Selbstbestimmung erreicht, wird von der Fortdauer hierarchisierter geschlechtlicher Machtverhältnisse untergraben. Die Fixierung auf ‚problematische‘ muslimische Sexualität entstand, um über die Enttäuschung der westlichen unvollendeten Emanzipation hinwegzukom­men oder ihre nicht stattgehabte Vollendung zu leugnen. Als zweite These folgt daraus, dass ein daraus entstehender Sexueller Exzeptionalismus ein strategi­sches Gebilde ist, das nicht der gelebten Wirklichkeit entspricht, sondern der Migrationsabwehr dient.

Diese Thesen werden im Folgenden über drei Zugänge angesteuert. Erstens über eine kurze Genealogie mehr oder weniger problematischer Kulturbegriffe, ihrer verschiedenen Fronten bis hin zur Kulturalisierung vom Geschlecht der ‚Anderen‘ (durch die westliche Perspektive). Ein zweites Unterkapitel wird sich dem Komplex des Sexuellen Exzeptionalismus widmen. In kleinen Fallstudien von Artefakten aus hegemoniekritischer Populärkultur – einem Theaterstück und einem Film – wird entwickelt, wie westlicher Sexueller Exzeptionalismus bei den angerufenen muslimischen Subjekten ankommt und verhandelt wird. Und in einem letzten Teil wird die ‚Unglückskultur‘ einer unvollendeten abend­ländischen Emanzipation angesprochen und nach geschlechter- und sexualpoli­tischen Knoten gesucht, an denen Migrationsabwehr und sexueller Exzeptiona­lismus miteinander verknüpft werden.

Kultur, Kulturalismus und Kulturalisierung

Der Terminus Kultur spielt in den Migrationsabwehrkämpfen eine zentrale Rolle und wird nach einem doppelten Standard bewertet. Wendy Brown bringt das folgendermaßen auf den Punkt: „ ‚we‘ have culture while culture has ‚them‘ or we have culture while they are culture“ (Brown 2008: 151). Der Einsatz von ‚Kultur‘ kann sowohl als ‚Ressource‘ fungieren, wie Beate Binder in einer Studie zu Kulturanthropologinnen herausarbeitet, die in ihrem Feld Umgangs­formen und Geschlechterverhältnisse alternativ zu westlichen Vorstellungen entdeckt haben (Binder 2013). Ein anderer ‚Kultur‘-Begriff kann aber auch als Totschlagargument eingesetzt werden, wenn man die Wirkung der ungenauen Übersetzung von Samuel Huntingtons Pamphlet „Clash of Civilizations“ (1993) ins Deutsche als „Kampf der Kulturen“ (Huntington 1997) bedenkt, die einen spätmodernen Diskurs kulturalisierender Ablehnung von ‚Anderen‘ mit-orches­triert hat.

Beim sogenannten Kulturrelativismus der Gründungsphase der amerikanischen Kulturanthropologie im frühen 20. Jahrhundert bekämpften Hans Boas und seine Schüler_innen eine ‚Ethnologie fremder Völker‘, die das ‚Andere‘ als eine zeitlich konservierte Frühform menschlicher Existenz betrachtete und in einer Art von biologischem Evolutionismus die ‚Primitiven‘ unten auf einer Zivilisa­tionsleiter anordnete und weiße Amerikaner_innen und Europäer_innen oben (vgl. Stocking 1966). Die Intervention einer neuen Kulturanthropologie bestand darin, die erforschten Gesellschaften, wie Pueblo-‚Indianer‘ in den USA oder Völ­ker der Südsee, als Kulturen mit eigenem Recht, Ordnungssystem und eigener Philosophie zu betrachten, die gleichwertig, aber eben anders, neben der euro-amerikanischen Kultur stehen. Die Überzeugungen der kulturrelativistischen Schule stehen in Verbindung mit dem erlebten Rassismus und Sexismus der Wissenschaftler_innen. Hans Boas war in die Vereinigten Staaten ausgewan­dert, weil er als jüdischer Wissenschaftler im deutschen Universitätssystem keine Zukunftsaussichten hatte. Seine Schülerin, Ruth Benedict, publizierte 1942 die erste Studie,2 die das Wort Rassismus im Titel trug, „Race and Racism“ (Benedict 1942). Der amerikanische Kulturrelativismus hatte sich damit sowohl gegen ‚wissenschaftlichen Rassismus‘ wie auch gegen Alltagsrassismus aufge­stellt.

Aber auch Sexismus (obwohl es den Begriff damals noch nicht gab3) spielte eine bedeutende Rolle. Der Kulturrelativismus bekam mit den Werken der Boas-Schülerin Margaret Mead eine besondere sexualpolitische Variante. In ihren Studien zu unterschiedlichen Völkern in der Südsee „Coming of age in Samoa“ (1928) und „Sex and temperament in two primitive societies“ (1935) kritisierte sie in den Vorworten deutlich die amerikanische Gesellschaft, ihren sexuellen Puritanismus und insbesondere die untergeordnete und in Tugend-raster gepresste Stellung von amerikanischen (weißen) Mädchen und Frauen und setzt sie in negativen Vergleich zu polynesischen Geschlechterordnungen. Margaret Mead betrieb damit eine frühe Form von positiver ‚Kulturalisierung von Geschlecht‘.

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